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11. Juli 2009, Neue ZŸrcher Zeitung

       

      Vermessen von Wahrnehmung

      FeldbŸcher und Holzschnitte von Bruno Murer in der Graphischen Sammlung der ETH

       

       

      Suzanne Kappeler

       

      Zur KŸnstlergeneration von Miriam Cahn und Martin Disler gehšrend, bildete sich der heute sechzigjŠhrige Krienser KŸnstler Bruno Murer erst zum Vermessungsingenieur und Raumplaner aus, bevor er 1984 sein Zeichenlehrerdiplom an der ZŸrcher Kunstgewerbeschule erwarb. Im Zentrum der Ausstellung an der ETH stehen denn auch die ÇFeldbŸcherÈ, die der KŸnstler seit den frŸhen achtziger Jahren bis heute konsequent und intensiv mit fast tŠglichen Notaten und Zeichnungen fŸhrt. †ber hundert FeldbŸcher sind mittlerweile entstanden und bilden jeden einzelnen seiner Entwicklungsschritte ab. Das Spektrum reicht von Skizzen im Notizbuch im Westentaschenformat, das Murer auf seinen StreifzŸgen begleitet, bis zu den heutigen Zeichen- und MalerbŸchern, die ein Vielfaches an Gršsse und Gewicht aufweisen. In ihrem Umfang erinnert die Serie von Murers FeldbŸchern an die MalerbŸcher der Basler KŸnstlerin Mireille Gros (geb. 1954), von denen es inzwischen einhundertzwanzig Exemplare gibt.

 

       

      Existenzielle Themen

      Das Feldbuch 59, vom 20. 12. 2000 bis zum 9. 1. 2001, wird in der Ausstellung als auseinandergenommenes Notizbuch prŠsentiert. Es illustriert Bruno Murers Schiffsreise von La Spezia nach New York, wo er im Atelier der Innerschweizer KŸnstler fŸr mehrere Monate lebte und arbeitete. In den dynamischen, in einem breiten Farbspektrum mit Weisshšhungen komponierten Zeichnungen, die zum Teil collageartig Ÿbereinandergelegt sind, fallen die Kontraste zwischen naturnahen Szenen und dem Alltag in den HŠuserschluchten der Metropole auf. Entlang der WŠnde der Graphischen Sammlung, in Vitrinen unterhalb des Feldbuchs 59, wird in chronologischer Abfolge von den frŸhen FeldbŸchern bis heute Murers Entwicklung zu einem eigenen Stil nachgezeichnet. Wir sehen mit Tinte gezeichnete, kleinformatige, geometrisch konstruiert wirkende Studien, die sich mit dem Wechsel zu gršsseren Formaten und einer vielschichtigen Farbigkeit immer mehr von der realen Form des Gegenstandes lšsen.

      Murers Malereien kreisen hŠufig um die KomplexitŠt der Wahrnehmung. Im Blatt ÇFrŸhlichtÈ (2006), das den Pilatus vor Sonnenaufgang darstellt, verdichtet sich die Farbe auf den Bergspitzen, wŠhrend sie gegen oben und unten ins Nichts auszulaufen scheint. Neben dem Bezug zum Naturerlebnis sind existenzielle Themen wichtig, so etwa seine Erfahrungen im Neat-Stollen am Gotthard. Der Hauptteil der Ausstellung ist thematisch gegliedert und zeigt in der Mitte des Raumes in grossen eleganten Vitrinen BlŠtter zu Themen wie ÇLuft BodenÈ, ÇSich sehenÈ, ÇTiersichtÈ, ÇStollen-RestlichtÈ oder ÇKšrpergrenzen - TodesnŠheÈ. Die Schattenwelt im Gotthard-Stollen fasziniert besonders. Hell erleuchteten Blitzen gleich spiegeln sich die Lampen der Mineure auf ihren Maschinen; massives Gestein und Wasser setzen Kontrapunkte.

      Holzschnittfolgen

      Andere BlŠtter, wie jene, die sich mit dem Thema der verschŸtteten Kšrper befassen, sind ganz in Grautšnen gehalten und zeigen in schemenhaften Gesichtern die Grenzen der menschlichen Existenz. In der transparenten und beinahe visionŠr gestalteten Zeichnung ÇDer Glaube an die VernunftÈ (2007) verknŸpft Murer tierische und menschliche Kšrper; er zitiert aus Goyas Caprichos.

      Ein weiterer Hšhepunkt sind die beiden leporelloartig konzipierten Holzschnitte ÇFlug Ÿber den AtlantikÈ von 1999. Ihre Abmessungen von knapp zehn beziehungsweise viereinhalb Metern LŠnge machen die auf braunes Packpapier gedruckten Ansichten aus dem Flugzeugfenster zu einem ungewšhnlichen Seherlebnis. Der Betrachter taucht ein in die endlosen Wasser- und Wolkenbilder und erlebt eine Art Loslšsung von Raum und Zeit. Das dichte Geflecht aus heftig bewegten Linien, teilweise begrenzt vom Rahmen des Flugzeugfensters, entwickelt eine eigenwillige €sthetik. Wie in den FeldbŸchern setzt sich Bruno Murer auch in den Holzschnitten mit dem Vorgang der menschlichen Wahrnehmung auseinander; die schiere LŠnge der Bilderfolge erzwingt einen stŠndig wechselnden Standort.

       

      ETH, Graphische Sammlung (RŠmistrasse 101), bis 28. August. Katalog Fr. 20.–. Faksimile-Ausgabe des Feldbuchs 59 Fr. 55.–, zusammen mit dem Katalog Fr. 70.–.