Neue Luzerner Zeitung, 13. Januar 1998

URS BUGMANN

 

Bruno Murer

Mitten in der Wirklichkeit

 

ln der Galerie Partikel in Luzern und in der Gemeindegalerie Benzeholz in Meggen zeigt Bruno Murer Lidschlag-Bilder. Der 1949 in Beckenried geborene Maler setzt im Augenblick des Bildwerdens an und macht sichtbar, wie Wahrnehmung ein Zugleich ist von Distanz und unmittelbarem ln-den-Dingen-Sein.

 

Sieben grossformatige …lmalereien, dreimal mit dem Titel  ãLidschlag: Frau und Mann und HimmelsgewšlbeÒ, zweimal mit ãLidschlag: HimmelsgewšlbeÒ Ÿberschrieben und einmal ãLidschlag: Waldweg – HimmelÒ, sind in der Galerie Partikel unprŠtentišs, mit klarer Geste an je zwei gegenŸberliegende WŠnde gehŠngt. Es sind kraftvolle Malereien, doch ohne jede wilde AttitŸde, Bilder voller FarbintensitŠt, die Farbe mehrschichtig pastos aufgetragen und daneben mit der differenzierten Leuchtkraft feiner Pastellabstufungen. Aus der NŠhe springt die MaterialitŠt ins Auge, eine Farbdynamik, die das Licht zu packen und in den Farbwert zu zwingen scheint, ein Wechselspiel zwischen Ruhe und Unruhe, die Farbe nicht als Bestand, sondern als Formung.

 

lm Bildgeschehen

 

Ein Gleiches gilt von den Fragmenten figurativer Formen, von Menschengestalten, Kšpfen, Kšrperteilen, von BŠumen, Landschaften, die sich aus der Distanz erkennen lassen. Was auf der Netzhaut im Augenblick des Lidschlags sich zu festigen beginnt, das halten diese  Bilder in dramatischer MehrperspektivitŠt fest - und lassen doch das Abbild nie erstarren . Immer neu formt die Vorstellung das Bild, das mit seinen Augenpunkten den Betrachter nicht abweisend in die Distanz rŸckt, sondern ihn hineinzieht ins Bildgeschehen.

 

Der Mensch, wie er sich in seiner Umgebung verhŠlt, wie er Gestalt annimmt durch seine BezŸge zu Erde, Luft und Himmel, wie er Individuum wird und GeschlechtsidentitŠt annimmt zwischen Frau und Mann, vefŸhrt wie verfŸhrend, wie sich Welt und Menschenpaar im Nukleus des Augapfels, diesem verkleinerten Abbild des Himmelsgewšlbes, spiegeln - davon erzŠhlen diese werdenden Bilder, die nicht unfertig sind oder unvollstŠndig, nur nicht beruhigt und keinesfalls statisch. Es sind Weltbilder, und in ihrer vertikalen Ausrichtung bieten sie sich an als SpiegelflŠchen, die den Schatten des Betrachters aufnehmen, ihn hineinformen ins Bild.

 

Sind es in der Luzerner Galerie Partikel die Elemente Luft und Erde, zu denen Frau und Mann in Bezug stehen - in ÒWaldweg - HimmelÒ  sind sie benannt – ist  es in der Megger Gemeindegalerie Benzeholz am Seeufer das Wasser

Von offenen, vom Gitter gekreuzten Durchblicken auf die SeeflŠche links und rechts umgeben, hŠngt im Erdgeschoss nur ein einziges Bild "Lidschlag, Adam-Kadmon, Wasser und HimmelÒ, das den ersten Menschen im Werden, noch nicht von Erde behaftet, aus den lichten Elementen geformt, im schšpferischen Lidschlag sichtbar macht. Im Dachgeschoss entspricht diesem einzelnen Bild das im Lidschlag wahrgenommene ãGesicht der SchwimmerinÒ.

 

Andauernder Augenblick

 

Sechs Bilder im Querformat zeigen im Mittelgeschoss den Schwimmer. Der Lidschlag formt aus dem Licht das Auge, aus dem Auge das Gesicht, daraus den Kšrper, der sich in der Elementarmaterie bewegt, von ihr geformt wird, sich mit dem Element verbindet und darin wirklich wird.

Bruno Murer versteht seine Malerei nicht als Distanznahme, als Darstellung eines Gegenstands. Malen ist ihm Ausdruck und Gestaltung des Seins in der Welt und in ihren Dingen. Selbstverlorenheit und im Gegenzug Wirklichwerden im Wahrnehmen, im Nachschaffen des Bildes, fordern diese Bilder auch vom Betrachter. Sie bieten ihm dafŸr die IntensitŠt einer Wirklichkeitserfahrung, die andauern lŠsst, was fŸr gewšhnlich im Augenblick des Lidschlags nur wird sogleich wieder verschwindet.